Dienstag, 19. Juni 2012

Brief Nr. 193379163

Hallo ihr Süßen!

Es tut mir so leid,dass ich in letzter Zeit eigentlich sehr wenig poste...bzw. nur die Mails an meine Therapeutin  poste, aber ich habe zur Zeit wirklich viel um die Ohren 
(wir schreiben im Schnitt 2 Schulaufgaben/Jahrgangsstufentests/Kurzarbeiten in der Woche und ich bin froh wenn ich mal vor 12 Uhr ins Bett kann... Ich hoffe, dass sich das nach 2,5 Wochen gebessert hat)

Euch bis dahin noch ne schöne Zeit und genießt das Wetter!

Love Sofia

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Liebe Frau Therapeutin,

obwohl wir uns erst gestern gesprochen haben, gibt es sehr viele Dinge, die mir momentan auf der Seele liegen.
Ich weiß nicht wirklich womit ich anfangen soll, deshalb schmeiße ich jetzt einfach mal ein wort in die Runde:
DANKBARKEIT
Was ist das eigentlich Dankbarkeit? Laut dem Duden ist Dankbarkeit der Ausdruck des Dankes und ein Synonym für Bedürfnislosigkeit. 
Es klingt so schön. 
Und leider bin ich eben genau das nicht - dankbar!
Ich sehe immer nur mein Elend und wie schlecht es mir doch geht.
Dabei könnte ich mich mal aus meinem Schneckenhaus raustrauen und mir denken:
"Hey! So schlecht geht es dir eigentlich gar nicht!
Du hast eine Familie, die dich liebt und unterstützt. Du hast Eltern, die nicht geschieden sind. Du hast keine körperliche Behinderung. Ja, okay, du bist fett! Aber du könntest fetter sein! Du könnstest dümmer, hässlicher, asozialer, aggressiver, unbeliebter sein! Du könntest gemobbt werden, arm oder sprachlich eingeschrnkt sein!"
Es geht immer schlechter nur versteht das mein minderbemitteltes Gehirn einfach nicht.
Dann kommt die Frage: Bin ich so arrogant, dass ich mir einreden muss, dass es mir schlecht geht?
Ich hasse es! Dieses ganze Getue! Ich komme mir so falsch vor. So extrem gefaket wie eine "Made in China"-Designer Tasche, bei der man schon auf dem ersten Blick erkennt, dass sie nicht echt ist.

Ich bin so nutzlos und faul. Ich lerne meine Vokabeln nicht regelmäßig. Ich schalte in manchen Fächern kontinuierlich ab und rege mich dann über schlechte Noten auf. Ich lege so viel Wert auf das was die anderen Menschen sagen. Was bin ich nur für ein Mensch?! Das ist doch kein Leben. Das ist einfach nichts.
Ich bin ein dreckiges, nutzloses, wertloses NICHTS!
Ich bin zu fett um etwas zu sein. Zu fett um meinen Charakter richtig auszubilden, um überhaupt einen zu haben. Ich laufe rum wie ein Sack Kartoffeln und wenn irgendeine spiegelnde Oberfläche da ist, bin ich jedes Mal sehr erstaunt darüber wie rund ich doch bin. 

In 2 Tagen ist offiziell Sommer und das Wetter hat sich endlich gebessert. Mein Traum war es bis zu dieser Zeit wenigstens wieder die 7 vorne auf der Waage stehen zu haben, aber nein! Madame muss sich in regelmäßigen Abständen mit unnötigen Kalorien vollstopfen, einfach aus Jucks und Tollerei.
Dafür zahle ich jetzt den Preis. Jeder Schritt in dem sich meine Oberschenkel berühren, sich aneinander reiben ist wie eine Demütigung: "Haha! Sieh dich bloß an! Du wolltest nicht hören und jetzt musst du spüren."
Es ist ein so anekelndes Gefühl. Einfach nur widerlich. ICH bin Widerlich.

Und jetzt haben Sie auch noch ein extrem "heikles" Thema angesprochen: Die Fastenzeit.
Das Problem hierbei ist, dass ich mir so vorkomme als würde ich zwischen die Fronten geraten: Religion gegen Gesundheit. (Obwohl das eine das andere nicht ausschließt, aber so fühle ich mich momentan eben)
das ist auch u.a. der Grund, warum ich nch nicht mit meiner Mutter darüber gesprochen habe. Ich weiß nicht wie ich es ihr erklären soll. Was ihr sagen soll, denn am Ende ist es doch so dass ich fasten will und höchstwahrscheinlich einfach nicht meine "Überzeugungskraft" einsetzten werde, damit sie dagegen ist.
Natürlich wäre das dumm voon mir und natürlich würde ich mir damit aber eher schaden, aber ich denke, dass ich mich in einer Lage befinde, wo die Gesundheit nicht immer an vorderster stelle steht.
Ich hatte mich das ganze Jahr über auf diese 30-tägige Fastenzeit gefreut. Endlich mal ein "vernünftiger" Grund nichts zu essen und dabei nicht mal Probleme zu bekommen. 
In den letzten Jahren hatte ich innerhalb dieser 30 Tage 4-6 kg abgenommen.
Und das alles hat sich  perfekt ergeben. Bis zur Berlinfahrt habe ich einen "Ultimativen Berlin-Plan"
In dieser Zeit versuche ich durch so viel Sport und Obst und Gemüse wie nur möglich, Gewicht zu verlieren. 
(ich esse noch Kohlenhydrate, Protein usw. aber halt nicht so extrem viel)
In berlin hätte ich 5 Tage "Pause" gehabt.
Und danach hätte ich zusätzlich zu dem Fasten 1 Stunde Sport täglich gemacht um mein verhasstes Gewicht zu verlieren. 
Ihre Skepsis zum Thema Fasten ist durchaus berechtigt und ich verstehe ihre Zweifel auch, aber ich WILL fasten. Abgesehen von den ganzen religiösen Gründen stellt es für mich eine Art "Hoffnung" dar. 
Mir ist es einfach SO WICHTIG einigermaßen normal, vielleicht sogar "dünn" das nächste Schuljahr zu beginnen.
60-65 kg für den Schuljahresanfang wären ideal. 
Ich möchte nicht jedes Mal wenn ich anfange zu lernen von dem Gedanken unterbrochen werden, dass ich noch nicht Sport gemacht habe und dass ich bei der Menge essen eigentlich viel mehr Sport machen müsste.
Ich möchte eine bessere Schülerin werden. Ich möchte in allem beser werden. Aber es geht eben nciht, solange ich als fette Kugel durch die Weltgeschichte rolle.
Es ist so schwer. Ich weiß dass ich nicht so denken sollte, aber ich kann einfach nicht mehr. Ich bin diesen 
ewigen Kampf wirklich leid. Obwohl es mir verglichen mit den letzten Monaten besser geht, hat sich das Verhältnis zu meinem Körper nicht wirklich gebessert.
Vielleicht klammere ich mich da an irgendeinen kranken Gedanken, aber es ist einfach nur deprimierend und demütigend. Ich bin immer noch so fett wie vor 2 Jahren. FETT! FETT! FETT!

Ich will das einfach nicht mehr.

ich erwarte nicht von Ihnen, dass Sie das verstehen aber ich hoffe, dass sie mich jetzt nicht als sturköpfiges, gestörtes Mädchen betrachten. 

Liebe Grüße Sofia 









Kommentare:

  1. HEy du, ich finde ehrlich gesagt, dass die E-Mails an deine Therapeutin mehr ausrücken, als du es mit Worten hier im Blog wahrscheinlich könntest und ich finde es toll, dass ihr einen so engen Kontaklt pflegt!
    ich hab jetzt erstmal ferien und hoffe dass du deinen Schulstress schnell hinter dir hast!
    P.S der post hätte inhaltlich wohhl einen etwas ausgefeilteren kommentar verdient, aber dazu bin ich gerade nicht in der lage ...:)

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  2. Ich hatte immer wieder "Phasen", in meiner frühen Pubertät, in denen ich gekotzt habe, dann kam ich ua wegen Magersucht ins Krankenhaus und seit dem voll und ganz Bulimikerin.

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  3. Hi Süße, danke für deinen Kommentar. Ich habe nicht gedacht was will die die denn etc. pp. Habe mich vielmehr gefreut, dass du mir versuchst zu helfen. Danke dir für deine lieben Worte.

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  4. Wie du lesen kannst geht es mir nicht gut, aber mir ist es noch nie wirklich gut gegangen. Das liegt auch an meinem ganzen Leben.
    Danke der nachfrage und dir ?
    Übrigens das Buch Wintermädchen ist eins meiner lieblingsbücher. Ich mag es so gerne.
    Alles Liebe ♥

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  5. Hey, erst mal: Wunderschöne Bilder! Wow.
    Ich habe mich sehr über deinen Kommentar gefreut und erwidere die Umarmung virtuell sehr fest. (;
    Um deine Frage zu beantworten muss ich ein bisschen ausholen... Ich war ja in mehreren Kliniken. In der ersten habe ich 10kg zugenommen auf 49kg und sollte eigentlich ein paar Monate später wiederkommen, um bis BMI 18,5 weiter zuzunehmen. Das ist dann allerdings nicht passiert, weil ich wieder zur Schule gegangen bin und mein Gewicht lieber noch eine Weile halten wollte, um mich an den "fetten" Körper zu gewöhnen. (siehe auch: http://beautyordeath.blogspot.de/2012/09/mein-nest.html )
    In dieser Klinik wurde ich hauptsächlich gemästet und konnte wenig Fortschritte in der Therapie machen. Dann kam die Psychiatrie, wo ich weiter abgenommen habe, aber das war ja in der Form auch keine "Klinik". Der nächste (es sollte der letzte sein) Versuch kam dann aus eigener Kraft - ich bin freiwillig in die Innere Medizin gegangen und habe mich auffüllen lassen, um mit 43 kg in der Psychsomatik aufgenommen zu werden. Dort bin ich richtig an meine Grenzen (und die Grenzen aller anderen) gegangen und habe Binge Eating entwickelt, sodass ich in den acht Wochen zwar viel verstanden, aber eben auch 20 kg zugenommen habe und mich mit diesem Körper natürlich nicht arrangieren konnte in der kurzen Zeit... Zumal auch die Art und Weise der Zunahme krass ungesund war und ich wahnsinnig wütend auf die Klinikleute wurde, weil mich niemand "aufhielt". Klar, die haben gesagt "Essen Sie nicht so viel", aber mehr auch nicht. Und in der letzten Klinik habe ich dann mein Gewicht bei etwa 63 kg so ziemlich halten können, weil ich im Wechsel immer gehungert und gefressen habe (so, wie mein Alltag seit einem Jahr nun mal aussieht). Gekotzt habe ich nie, sonst wäre ich jetzt sicher nicht so fett...
    Okay, viel Text, sorry.
    Ich habe jetzt aus Neugierde ein paar Monate deiner Posts gelesen und finde dich auch wahnsinnig sympathisch. Und sehr kurzweilig zu lesen. Erzähl mir doch mal von deiner "Krankheitsgeschichte", du schreibst du warst früher anorektisch? Atypische Anorexie, ha, das steht bei mir auch :D Diese scheiß Diagnosen immer...
    Also, wünsche dir noch einen schönen Abend und
    <3 <3

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